Bildnachweis: © thyssenkrupp nucera, © Neom Green Hydrogen Company, stock3.com, © Deutsche Börse / Martin Joppen.

Vor gut 14 Monaten ging die thyssenkrupp nucera AG & Co. KGaA in Frankfurt an die Börse – eines der wenigen größeren IPOs 2023. Der nach eigenen Angaben weltweit führende Anbieter von Elektrolysetechnologien hatte seitdem am Kapitalmarkt keinen leichten Stand. Die „Wasserstoffaktie“ startete mit einem Ausgabepreis von 20 EUR, was einer Unternehmensbewertung von etwa 2,5 Mrd. EUR entsprach. Inzwischen lag der Kurs zeitweise bei unter 8 EUR, was für den Anleger ein Minus von 60% entspricht. Doch einiges spricht für ein Comeback der Aktie.

Das 1960 gegründete Unternehmen war früher unter dem Namen thyssenkrupp Uhde Chlorine Engineers GmbH bekannt und hat seinen Hauptsitz in Dortmund. Zum Börsengang stand es im Eigentum der thyssenkrupp AG sowie von Industrie De Nora. CFO Dr. Arno Pfannschmidt präsentierte das Unternehmen am 22. August auf den Hamburger Investoren Tagen (HIT; Veranstalter: Montega). Zeit für ein Update, nachdem die Kursentwicklung seit der Erstnotiz am 7. Juli 2023 enttäuschend verlief. Noch im ersten Monat wurden Kurse von über 25 EUR aufgerufen, dann ging es sukzessive hinab bis zu einem Tief von 7,68 EUR im August 2024. Allerdings befand man sich damit in guter Gesellschaft mit den größten Mitbewerbern Plug Power (USA) und Nel ASA (Norwegen); der Branchenindex (HYDR.O Quelle: Refinitiv Eikon) verlor rund 53%. Bei genauerer Betrachtung ist die Lage aber bei Weitem nicht so schlecht, wie es der Aktienkurs vermuten ließe.

thyssenkrupp nucera

60 Jahre Erfahrung in der industriellen Nutzung von Elektrolysetechnologien

Mit über 60 Jahre Erfahrung bezeichnet sich thyssenkrupp nucera heute als Weltmarktführer in der Chlor-Alkali-(CA-)Elektrolyse, welche die wichtigen Grundchemikalien Chlor, Wasserstoff und Natronlauge aus Natriumchlorid und Wasser erzeugt. Mit einem Serviceanteil von über 50% wird man in diesem Bereich 2024 zwischen 300 Mio. und 350 Mio. EUR umsetzen. Zu den weltweit verstreuten Kunden zählen Namen wie BASF, Covestro, Olin und Oxy. Stark im Kommen ist der zweite Bereich, die alkalische Wasserelektrolyse (AWE). Auch hier sind Umsätze jenseits der 300-Mio.-EURMarke zu erwarten, die Sparte wächst rasant. Kunden sind Shell, Air Products und H2 Green Steel aus Schweden, die als eines der ersten Unternehmen Wasserstoff für die Stahlerzeugung einsetzt. In den Orderbüchern stehen kombiniert 1,3 Mrd. EUR an Bestellungen – genug für eine gute Auslastung in den nächsten drei Jahren. thyssenkrupp nucera verfügt derzeit über flüssige Finanzmittel in Höhe von rund 694 Mio. EUR, was bereits einem großen Teil der aktuellen Marktkapitalisierung von 1 Mrd. EUR entspricht.

Dr. Arno Pfannschmidt
Dr. Arno Pfannschmidt

EU Green Deal bedingt Dekarbonisierung

Die Europäische Union verfolgt ehrgeizige Pläne im Wasserstoffbereich, um ihre Klimaziele zu erreichen und die Energiewende voranzutreiben. Bereits im Juli 2020 wurde die „EU-Wasserstoffstrategie“ in Brüssel veröffentlicht, welche darauf abzielt, bis 2050 eine klimaneutrale Wirtschaft zu schaffen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Produktion von grünem Wasserstoff, der aus erneuerbaren Energien wie Wind- und Solarenergie hergestellt werden soll. Dieser saubere Wasserstoff soll mittelfristig fossile Brennstoffe ersetzen, insbesondere in schwer zu dekarbonisierenden Sektoren wie der Schwerindustrie, dem Verkehr und der Energieerzeugung. Zu diesem Zweck plant die EU den Aufbau eines umfangreichen Netzwerks zur Produktion, Speicherung und Verteilung von Wasserstoff. Dazu gehört die Schaffung eines „Wasserstoff-Backbones“, eines paneuropäischen Pipelinesystems, welches das leicht entzündliche Gas über Ländergrenzen hinweg transportieren soll.

NEOM Green Hydrogen Project

Schlüsseltechnologie für die Energiewende

Bis 2030 sollen etwa 40 Gigawatt an Elektrolysekapazität für grünen Wasserstoff in Europa installiert werden. Wie wichtig die Schlüsseltechnologie für die Energiewende ist, zeigt die Initiative „Wasserstoff-IPCEI“ (Important Project of Common European Interest). Sie soll nationale Förderprogramme bündeln und große, europaweite Wasserstoffprojekte finanzieren. Um diese Ziele schnell umsetzen zu können, strebt die EU eine enge Zusammenarbeit mit Drittländern an, um den Import von grünem Wasserstoff zu erleichtern. Länder wie Nordafrika und der Nahe Osten, die über reichlich erneuerbare Energien verfügen, spielen dabei eine wichtige Rolle bei der zukünftigen Belieferung Europas. Gleichzeitig soll mit klaren Standards und Zertifizierungen eine starke industrielle Basis für die Wasserstoffproduktion und -nutzung innerhalb der EU aufgebaut werden. Das Aktionsprogramm H2 ist ein entscheidender Bestandteil des Green Deal der EU, der darauf abzielt, die CO2-Emissionen bis 2050 auf „null“ zu reduzieren.

thyssenkrupp nucera – Kennzahlen

2,2-Gigawatt-Projekt in Saudi-Arabien

thyssenkrupp nucera erwartet unter dieser Maßgabe bis 2050 eine Versiebenfachung das Wasserstoffmarkts. In der Historie hat man bereits mehr als 600 Anlagen ausgeliefert; es sollen noch deutlich mehr werden. Die Preiskalkulation folgt einem Total-Costof-Ownership-(TCO-)Ansatz. Die Dortmunder wollen nicht die Günstigsten im Markt sein, sondern ihren Kunden durch Leistung und Qualität, guten Service und niedrigen Stromverbrauch eine sinnvolle Relation zwischen Betriebs- und Anschaffungskosten bieten. Das kommt in der Branche gut an. In Saudi-Arabien fand man dank der umfangreichen Sonnenstunden perfekte Voraussetzungen für eine Großanlage. Das dort ansässige NEOM Green Hydrogen Project ist die weltweit größte kommerziell betriebene Wasserstoffanlage, die ausschließlich mit erneuerbaren Energien betrieben wird. Das Projekt ist ein Joint Venture zwischen den gleichberechtigten Partnern NEOM, Air Products und ACWA Power. Es basiert auf bewährten Technologien von Weltrang und umfasst die innovative Integration einer kombinierten Kapazität von rund vier Gigawatt erneuerbarer Energie aus OnshoreSolar- und -Windenergie sowie passenden Speicheranlagen. thyssenkrupp nucera liefert die Alkali-Wasser-Elektrolyse für diese Anlage. Nach ihrer Inbetriebnahme im Jahr 2026 wird sie 600 Tonnen sauberen Wasserstoff pro Tag durch Elektrolyse erzeugen, Stickstoff durch Luftzerlegung mit der AirProducts-Technologie produzieren und bis zu 1,2 Mio. Tonnen grünen Ammoniak pro Jahr herstellen. Auch der Klimaeffekt kann sich sehen lassen: Unter Vollauslastung kann die Verbundanlage den weltweiten Ausstoß von Kohlenstoff um ganze 5 Mio. Tonnen pro Jahr verringern.

Stetiges Wachstum von Quartal zu Quartal

Die Q3-Zahlen von thyssenkrupp nucera klingen in der Topline gut: 12% mehr Aufträge und 26% Umsatzanstieg auf 236 Mio. EUR. Allerdings fiel das EBIT um 91% auf 0,7 Mio. EUR zurück. Der Rückgang ist zum thyssenkrupp nucera (ISIN: DE000NCA0001) Quelle: stock3.com einen auf den geplanten Anstieg der Forschungs- und Entwicklungskosten für die Umsetzung der Wachstumsstrategie bei der alkalischen Wasserelektrolyse zurückzuführen. Zum anderen sank die Bruttomarge aufgrund eines höheren AWE-Anteils am Gesamtumsatz und eines Anstiegs der sonstigen Umsatzkosten bedingt durch den AWE-Hochlauf und den Aufbau von neuen Kapazitäten. Auf Neunmonatsbasis liegen die Auftragseingänge mit 522 Mio. EUR knapp unter Vorjahr; dafür stiegen die Umsatzerlöse um 24% auf 612 Mio. EUR nach 493 Mio. EUR. Das EBIT lag trotzdem bei -10,8 Mio. EUR nach +20,3 Mio. EUR im Vorjahr. Die hohen Zinserlöse und damit verbunden das starke Finanzergebnis retteten nach neun Monaten noch ein kleines positives Nettoergebnis.

thyssenkrupp nucera (ISIN DE000NCA0001)

Zweistelliges EBIT im Fokus

Für das Geschäftsjahr 2023/24 rechnet thyssenkrupp nucera mit Umsatzerlösen im Bereich von 820 Mio. bis 900 Mio. EUR. Zu diesem Anstieg soll im Wesentlichen die Abwicklung bereits vertraglich vereinbarter Projekte im Bereich der alkalischen Wasserelektrolyse beitragen. Dabei möchte man die Lieferketten stets akkurat im Auge behalten und auf Sicht fahren. Auf Ebene der Segmente wird ein signifikanter Beitrag aus Deutschland und Italien erwartet. In Japan, China und dem Rest der Welt soll sich das Geschäft eher seitwärts entwickeln. Das EBIT wird für 2023/24 wegen hoher Investitionen wahrscheinlich negativ ausfallen, mittelfristig steuert man eine hohe einstellige bis niedrige zweistellige EBIT-Marge an.

Die Kursentwicklung seit der Erstnotiz am 7. Juli 2023 verlief enttäuschend.
Die Kursentwicklung seit der Erstnotiz am 7. Juli 2023 verlief enttäuschend.

Fazit

Die thyssenkrupp-nucera-Aktie ist seit Emission wie auch die Peergroup in einen Abwärtsstrudel geraten. Noch fehlen vielen privatwirtschaftlichen und auch öffentlich geförderten Projekten die finalen Investitionsentscheidungen, die aber nach zahlreichen politischen Verlautbarungen mit Verzögerung erwartet werden können. Der Umsatz soll sich laut Konsensschätzungen im Zeitraum 2024 bis 2026 mit etwa 10% bis 12% p.a. nach vorn entwickeln. Mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis 2024e von 1,7 ist der Wert auf aktuellem Niveau nicht zu teuer. Aktuell entspricht die Marktkapitalisierung von rund 1 Mrd. EUR nur dem 1,2-fachen Umsatz. Verglichen mit anderen börsennotierten Wasserstofftiteln wie Nel ASA oder Plug Power besteht sogar eine leichte Unterbewertung. Laut der Expertenplattform Refinitiv Eikon erteilen sieben von 13 Analysten derzeit ein Kaufvotum für die Aktie, mit einem Durchschnittskursziel von 14,20 EUR auf Sicht von zwölf Monaten. Das Chance-Risiko-Verhältnis erscheint derzeit trotz der verfehlten Ertragsziele ausgewogen, die aktuelle Bewertung stellt sich aufgrund des hohen Cashbestands gut abgesichert dar. Die Aktie bietet risikobewussten Anlegern derzeit durchaus Raum für eine zweistellige Rendite.

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