Bildnachweis: N26.
Dieses Artikel ist einschienen in GoingPublic 4/2024 – hier gehts zum kostenlosen E-Magazin.
Die 2013 von Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal gegründete Digitalbank N26 Bank AG zählte zu den ersten Unicorns (Unternehmenswert > 1 Mrd. EUR) in Deutschland. Zur bislang letzten Finanzierungsrunde 2021 ergab sich verschiedenen Berichten zufolge eine Bewertung von 9 Mrd. USD. Mittlerweile hat das Unternehmen auf Quartalsbasis den Break-even erreicht und gilt als potenzieller Börsenkandidat.
Erfolg lässt sich auf viele Arten messen. Umsatz- oder Nutzerzahlen gelten als verlässliche Indikatoren, bei reiferen Unternehmen auch Gewinnwachstum oder Dividendenstabilität. N26, ausgestattet mit einer deutschen Vollbanklizenz, kann sein außergewöhnlich schnelles Wachstum sogar amtlich dokumentieren: Die Kunden meldeten sich in solchen Scharen an, dass die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) 2021 eine Höchstgrenze für Neukunden pro Monat verhängte. Diese Beschränkung wurde im Sommer aufgehoben. Seitdem startet N26 ungebremst durch.
Wachstum in Europa
Das in Berlin beheimatete Unternehmen bezeichnet sich als die „führende Digitalbank Europas“. Es bietet „einfaches, sicheres und kundenfreundliches mobiles Banking für Millionen von Kund:innen in 24 Ländern in Europa“. N26 verarbeitet aktuell ein jährliches Transaktionsvolumen von mehr als 140 Mrd. EUR und beschäftigt derzeit über 1.500 Mitarbeiter mit mehr als 80 verschiedenen Nationalitäten. Neben dem Hauptsitz in Berlin betreibt N26 Büros in zahlreichen weiteren europäischen Städten, unter anderem in Wien, Paris, Mailand und Barcelona.
Seit der Gründung 2013 hat N26 knapp 1,8 Mrd. USD von renommierten Investoren eingesammelt. Mit der Series-D-Finanzierungsrunde ab 2019, die in drei Tranchen vollzogen wurde, war N26 zum damals wertvollsten Einhorn der Republik aufgestiegen. Zuflüsse in Höhe von 470 Mio. USD ergaben eine Unternehmensbewertung in Höhe von 3,5 Mrd. USD. Im Mai 2020 floss eine dritte Tranche in Höhe von 100 Mio. USD zu. Als Investoren traten Insight Venture Partners, GIC (Staatsfonds von Singapur), Tencent, Allianz X, Peter Thiels Valar Ventures, Earlybird Venture Capital und Greyhound Capital auf. Die vorerst letzte, fünfte Finanzierungsrunde fand 2021 statt und brachte mehr als 900 Mio. USD frisches Kapital. Die Finanzierung wurde von den US-Investoren Third Point Ventures und Coatue Management mit Sitz in New York angeführt. Zusätzlich beteiligten sich die Dragoneer Investment Group sowie die existierenden Investoren. Rechnerisch ergab sich zu diesem Zeitpunkt eine Bewertung von etwa 9 Mrd. USD.
Offene Kommunikationskultur
Im Gegensatz zu vielen anderen Unicorns kommuniziert N26 offen Umsatz- und Ergebniszahlen und lebt auch nach außen den Stand der „IPO-Readiness“. Seit der Aufhebung der Wachstumsbeschränkung durch die BaFin im Juni hat N26 weiter stark zugelegt. Für das Gesamtjahr 2024 erwartet das Unternehmen einen weiter beschleunigten Anstieg seiner Bruttoerträge von etwa 40% auf rund 440 Mio. EUR (GJ 2023: 313,5 Mio. EUR). Das dritte Quartal 2024 schloss N26 mit einem veröffentlichten operativen Ergebnis von 2,8 Mio. EUR ab – gleichbedeutend mit dem ersten Quartalsgewinn.
Infolge einer deutlich erhöhten Nachfrage nach seinem erweiterten Portfolio digitaler Bankprodukte verzeichnete N26 zwischen dem Geschäftsjahr 2023 und Oktober 2024 einen starken Anstieg der durchschnittlichen monatlichen Kundenanmeldungen um mehr als 110%, mit aktuell mehr als 200.000 Neuanmeldungen pro Monat. Dieser Trend sei nach Unternehmensangaben überwiegend organisch: 73% der neuen Nutzer wurden im Jahr 2024 per Empfehlungen gewonnen. Entsprechend gering seien die Kosten für die Kundenakquise. „N26 erwartet, die Zahl seiner ertragsrelevanten Kund:innen von 4,2 Millionen Ende 2023 auf insgesamt 4,8 Millionen bis Ende 2024 zu steigern. Für 2025 erwartet das Unternehmen ein weiteres Wachstum seiner Kundenzahl“, ließ man durch einen Unternehmenssprecher mitteilen.
Fazit
Die N26 Bank AG steht derzeit an der Schwelle zur nachhaltigen Profitabilität, die 2025 auf Jahresbasis erreicht werden könnte. Gleichzeitig hat sich das Kundenwachstum beschleunigt. Die Aufhebung der BaFin-Auflagen zeigt, dass das Unternehmen mittlerweile über tragfähige Strukturen und Prozesse verfügt. Die Kommunikation scheint bereits IPO-ready! Da sich N26 aus dem US-Geschäft zurückgezogen hat, steigt derzeit die Chance auf einen Börsengang im heimischen, deutschen Kapitalmarkt.
„Grundsätzlich ist ein Börsengang eine interessante Option“
Im Gespräch mit Maximilian Tayenthal, Mitbegründer, N26 Bank AG
GoingPublic: N26 hatte für das zweite Halbjahr 2024 Profitabilität auf Monatsbasis avisiert. Erreicht?
Maximilian Tayenthal: Ja, wir haben die Gewinnschwelle im Juni 2024 erstmals erreicht und unsere eigenen Erwartungen damit sogar übertroffen. Seither haben wir unser erstes profitables Quartal verbucht. Bereinigt um eine einmalige bilanztechnische Maßnahme im vierten Quartal gehen wir nun für das Gesamtjahr 2024 von einem moderat positiven operativen Ergebnis aus.
Bei Unicorns schwingt immer das Thema Börsengang mit. Ist das für Sie ein Ziel, eine Option?
Grundsätzlich ist ein Börsengang eine interessante Option, die wir womöglich in Zukunft ins Auge fassen. Vorher konzentrieren wir uns aber ganz darauf, unser aktuelles Momentum voll auszuschöpfen: Das Kundeninteresse an N26 und unserem Angebot steigt stetig, wir verzeichnen aktuell durchschnittlich über 200.000 Neuanmeldungen pro Monat. Diesen Bedarf zu erfüllen und zugleich auf einen verantwortungsvollen Umgang mit unserem Wachstumspotenzial zu achten, ist momentan unsere höchste Priorität.
Welche Meilensteine wollen Sie als Nächstes erreichen?
In den vergangenen Jahren haben wir uns auf den nachhaltigen Aufbau profitabler Kundenbeziehungen konzentriert und konstant in Produktinnovation investiert. Dadurch können wir unseren Kund:innen heute eine deutlich umfangreichere Plattform als noch vor einem Jahr bieten. Neben dem N26-Konto sind nun ein Zinsprodukt, Gemeinschaftskonten und der Handel mit Kryptowährungen, Aktien und ETFs verfügbar. All diese Produkte werden von unseren Kund:innen intensiv genutzt und tragen deutlich zum stetig zunehmenden Interesse an N26 bei. Um die Bedürfnisse noch besser abzubilden, werden wir unser Angebot in den kommenden Monaten weiter ausbauen. So beabsichtigen wir etwa, das investierbare Anlageuniversum zu erweitern und im kommenden Jahr digitales Banking auch für Unternehmen anzubieten.
Welchen Einfluss hat künstliche Intelligenz (KI) auf Ihr Geschäftsmodell? Wie nutzt N26 KI? Beschleunigt sie die disruptiven Auswirkungen auf stationäre Banken?
Als vollständig digitale Bank spielen fortgeschrittene Technologien bei N26 schon immer eine zentrale Rolle. Künstliche Intelligenz ist ein Beispiel hierfür, das in verschiedenen Unternehmensbereichen Anwendung findet. Wir nutzen künstliche Intelligenz, um Prozesse im Risikomanagement, in der Kreditprüfung, im Marketing oder auch im Kundenservice zu optimieren, wo sie menschliche Intelligenz und das Fachwissen unserer Mitarbeiter sinnvoll ergänzt. Künstliche Intelligenz kommt auch im Rahmen der Nachhaltigkeitsbemühungen und im Kampf gegen Finanzkriminalität zum Einsatz. Hier verwenden wir sie ergänzend zu branchenüblichen Systemen und Prozessen bei der Erkennung und Verhinderung von Betrug, Geldwäsche und einigem mehr. KI und maschinelles Lernen ermöglichen es uns, effizienter und effektiver zu arbeiten, was sich positiv auf unsere Kostenbasis, die Qualität unseres Angebots und die Sicherheit unserer Plattform auswirkt. Ich bin überzeugt, dass immer mehr Banken – ob nun eher traditionell oder digitalaffin – auch durch Erfolgsgeschichten wie unserer das disruptive Potenzial von künstlicher Intelligenz erkennen und bereit sein werden, so wie wir entsprechende Investitionen zu priorisieren.
Sehr geehrter Herr Tayenthal, vielen Dank für die interessanten Einblicke!
Das Interview führte Stefan Preuß.
Autor/Autorin
Stefan Preuß
Stefan Preuß arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Redakteur im Kapitalmarktumfeld. Der gelernte Tageszeitungsredakteur sammelte zudem Erfahrung als Investor Relations Manager. Der Redaktion der GoingPublic Media AG gehört er als ständiger Mitarbeiter mit den Schwerpunktthemen IPOs, Vermögensanlage und Nachfolgelösungen an. Er betreut als Redaktionsleiter die jährlichen Spezialausgaben "Mitarbeiterbeteiligung" sowie "M&A Insurance".