V. l. n. r.: Holger Garbs, Plattform Life Sciences, Jan Phillip Denkers, Life Science Nord, Prof. Dr. med. Søren W. Gersting, iniuva, Hans Vanhooren, PhD, Indivumed Therapeutics, Dr. Dirk Winkler, Evotec, Claas H. Nieraad, Baltic Business Angels Schleswig-Holstein, Karin Hofelich, Plattform Life Sciences Dr. Frank Schröder-Oeynhausen, Technikzentrum Lübeck und Dr. Sabine Brock, DESY. Foto Copyright: Jörg Müller I Fotografie für Unternehmen und Institutionen
Biotechnologie im Norden ist für viele ein kaum beschriebenes Blatt. Dabei hat die Region einiges zu bieten – inklusive Alleinstellungsmerkmalen und ganz spezieller Herausforderungen. Ein Roundtable mit Dr. Sabine Brock, DESY, Jan Phillip Denkers, Life Science Nord, Prof. Dr. med. Søren W. Gersting, iniuva, Claas H. Nieraad, Baltic Business Angels Schleswig-Holstein, Dr. Frank Schröder-Oeynhausen, Technikzentrum Lübeck, Hans Vanhooren, PhD, Indivumed Therapeutics, und Dr. Dirk Winkler, Evotec.
Plattform Life Sciences: Frau Dr. Brock, wo genau befinden wir uns?
Dr. Brock: Wir befinden uns im Herzen der Science City Hamburg Bahrenfeld beim Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY), das zu den weltweit führenden Beschleunigerzentren zählt. Mit unseren Großgeräten für die Forschung – das sind in erster Linie diese riesige Anlagen hier, die einmalige Röntgenstrahlung produzieren – erkunden unsere Forscherinnen und Forscher den Mikrokosmos in seiner ganzen Vielfalt. Das reicht vom Wechselspiel kleinster Elementarteilchen über das Verhalten neuartiger Nanowerkstoffe bis hin zu jenen lebenswichtigen Prozessen, die zwischen Biomolekülen ablaufen. Damit ist DESY nicht nur ein Magnet für jährlich mehr als 3.000 internationale Forschende aus über 40 Nationen, sondern auch gefragter Partner in nationalen und internationalen Kooperationen. Engagierte Nachwuchsforschende finden bei DESY ein spannendes, interdisziplinäres Umfeld. Um neue, gesellschaftsrelevante Technologien voranzutreiben und Innovationen zu fördern, kooperiert DESY mit Industrie und Wirtschaft. Dadurch gewinnen auch die Metropolregionen unserer beiden Standorte Hamburg und Zeuthen bei Berlin.
Dr. Dirk Winkler, SVP Hit Identification, Drug Discovery Services, Evotec SE. Foto: @ Jörg Müller | Fotografie für Unternehmen und Institutionen
Heutzutage ist es schwer, zwischen Biologie, Physik und Statistik eine klare Trennlinie zu ziehen. Alles spielt zusammen – insbesondere wenn wir uns bewusst werden, welchen Wert und Einfluss hochqualitative Daten auf die Ergebnisse haben.
Welche Rolle spielt die Biotechnologie an diesem Standort?
Dr. Brock: Vor allem in der Präklinikphase können wir z.B. mit der Entschlüsselung von Proteinstrukturen an unserer Röntgenlichtquelle viele Prozessschritte erheblich beschleunigen. Gleichzeitig bieten wir Methoden an, die Pharmaunternehmen im Rahmen ihrer Qualitätssicherung nutzen können. An der Universität Hamburg und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wurde ein Verfahren entwickelt, um markierte Targets durch einen Körper hindurch zu verfolgen. Wir können In-vivo-Versuche mit Mausmodellen durchführen und beobachten, wie Wirkstoffe innerhalb eines lebenden Organismus und eines funktionierenden Immunsystems durch den Körper wandern. Jetzt, mit diesem Roundtable, befinden wir uns im Centre for Structural Systems Biology (CSSB), einem interdisziplinären Zentrum zur Erforschung von Infektionskrankheiten.
Hier bei DESY arbeiten also Expertinnen und Experten aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammen. Welchen konkreten Nutzen können Life-Sciences-Unternehmen daraus ziehen?
Dr. Winkler: Die unterschiedlichen Disziplinen, die hier zusammenarbeiten, sind ein Teil des Erfolgs. Heutzutage ist es schwer, zwischen Biologie, Physik oder Statistik eine klare Trennlinie zu ziehen. Alles spielt zusammen – insbesondere wenn wir uns bewusst werden, welchen Wert und Einfluss hochqualitative Daten auf die Ergebnisse haben. Hier erleben wir eine kritische Verknüpfung verschiedener Disziplinen, etwa in der Strukturbiologie. Dies ist für uns ein sehr wichtiges Tool, um die Wirkstoffentwicklung zu beschleunigen. Wir setzen Methoden ein, die ursprünglich bei DESY und anderen Instituten entwickelt wurden. Strukturbiologie ist ein Tool, welches in der Wirkstoffentwicklung nicht mehr wegzudenken ist. Wir nutzen diese Technologien global und sie sind auch Bestandteil unserer zahlreichen Kooperationen in Europa und darüber hinaus.
Intensiver Austausch beim Roundtable der Plattform Life Sciences im Centre for Structural Systems Biology (CSSB), auf dem Gelände des DESY. Foto: @ Jörg Müller | Fotografie für Unternehmen und Institutionen
Prof. Dr. Gersting: Wir machen das ganz genauso – auch wir nutzen bei der Wirkstofffindung die Röntgen-Kristallstruktur-Aufklärung. Aktuell wird einer unserer Kristalle bestrahlt und wir werden später wissen, ob der Wirkstoff, von dem wir glauben, dass er an einer allosterischen Bindestelle sitzt, sich wirklich dort befindet, denn das kann man am Ende nur über das Bild klären. Es gibt sicher viele indirekte experimentelle Hinweise, aber das Bild wird es letztlich beweisen. Deswegen sind auch Kooperationen hier am Standort in Hamburg für uns sehr wichtig, da wir so die entsprechende Technologie nutzen können. Dass man die Gelegenheit hat, schnell an die entsprechenden Ergebnisse zu gelangen, ist ein großer Standortvorteil bei DESY.
Vanhooren: Wir befinden uns im Bereich der „Early Drug Discovery Oncology“, das heißt, wir finden neue Ansatzpunkte – sogenannte Targets – für die Entwicklung neuer Wirkstoffe zur präzisen Behandlung von Krebserkrankungen. Aktuell sind wir in der Validierungs- und biochemischen Charakterisierungsphase einiger vielversprechender Targets und werden auch an den Punkt kommen, wo wir uns z.B. die Kristallstruktur eines möglichen Targets anschauen werden. Auch wenn wir uns in einer frühen R&D-Phase befinden, so spielt das Thema Vernetzung im Drug-Discovery-Bereich auch für uns eine zunehmend große Rolle, um sich auf fachlicher Ebene auszutauschen und die notwendigen Beziehungen zu knüpfen. Ziel ist dabei, unsere Projekte zur Entwicklung von neuen wirksamen Therapeutika durch Zusammenarbeit mit weiteren Experten schneller voranzutreiben.
Vor dem Hintergrund, dass die Vernetzung mit unterschiedlichen Playern, auch außerhalb der klassischen Biotechnologie, eine immer größere Rolle spielt: Wie sieht das Biotechunternehmen der Zukunft aus?
Prof. Dr. Gersting:Wir sind eine virtuelle Firma mit acht Mitarbeitern. Trotzdem arbeiten wir in der Wirkstoffforschung und haben ein Produkt in der klinischen Prüfung. Das ist möglich, indem man Allianzen schmiedet und eben nicht sagt, ich muss erst einmal einen Mitarbeiterstamm aufbauen, ein Gebäude finden oder ein Labor aufbauen. Natürlich hilft uns der Umstand, dass wir aus der wissenschaftlichen Forschung kommen, aber das ist bei den meisten Biotechfirmen der Fall. Die digitale Vernetzung auch mit großen Unternehmen hat gerade vor dem Hintergrund der Coronapandemie zugenommen. Natürlich bleiben lokale Netzwerke wichtig, aber kaum ein Unternehmen arbeitet rein lokal; das gilt auch für die kleinen Unternehmen.
Dr. Sabine Brock, Industry Relations Manager & Dep. CTO, Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY. Foto: @ Jörg Müller | Fotografie für Unternehmen und Institutionen
Wir haben in Hamburg mit der Röntgenlichtquelle PETRA III eine der größten und brillantesten seiner Art in Europa. Und mit dem avisierten Upgrade auf PETRA IV werden wir die weltweit brillanteste Quelle betreiben.
Nieraad: Die Biotechnologie hat immer noch einen sehr langen Forschungszyklus. Aus Investorensicht muss man festhalten, dass Finanzierungsrunden angesichts des Zinsumfelds oder des Risikoumfelds sehr selektiv stattfinden und eher kleiner werden. Insofern ist es entscheidend, auf die Kapitaleffizienz der Firmen zu achten. Es ist existenziell wichtig, möglichst schnell zu einem marktfähigen Produkt zu kommen, gerade mit den Mitteln, die mir von privaten Investoren zur Verfügung gestellt werden, die schlussendlich auch begrenzt sind. Umso wichtiger ist es, sich spezielle und besonders lukrative Bereiche herauszusuchen und diese möglichst schnell zu entwickeln, auch mit starken Partnern an der Seite.
Schauen wir auf Norddeutschland und Hamburg im Speziellen: Was ist das Alleinstellungsmerkmal dieser Region?
Dr. Brock: Wir haben in Hamburg tatsächlich ein besonderes Alleinstellungsmerkmal in Europa, nämlich mit der Röntgenlichtquelle PETRA III, eine der größten und brillantesten seiner Art. Und mit dem avisierten Upgrade auf PETRA IV werden wir die weltweit brillanteste Quelle betreiben. Daneben existieren zahlreiche Start-ups, Unternehmen und Forschungseinrichtungen hier am Standort, der Science City Hamburg Bahrenfeld, die von der Nähe zu den großen Forschungsgeräten profitiert. Das ist ein Vorteil, den wir marketingtechnisch noch viel stärker platzieren müssen. Diese räumliche Nähe zieht nicht nur Start-ups an, sondern auch größere Firmen, die überlegen, hier eine Dependance aufzubauen.
Dr. Schröder-Oeynhausen: Möchte man Zukunft gestalten, sollte man wichtige Dinge nicht nur wertschätzen, sondern auch gezielt ausbauen. Insofern ist es beeindruckend, zu sehen, wie fokussiert sich Hamburg auf den Weg macht. Die Beispiele zeigen, dass Verschränkungen funktionieren. Der Standort Bahrenfeld mag noch wenig bekannt sein, doch durch gezielte Ansiedlung von Fachkräften und Unternehmen sowie den Aufbau eines Netzwerks aus Wissenschaftlern, Start-ups und größeren Firmen kann man die vorhandene Infrastruktur optimal nutzen und an Profil gewinnen. Wir haben mit dem StartUp-Accelerator GATEWAY49 von Lübeck aus ein Start-up-Ökosystem für ganz Schleswig-Holstein aufgebaut, welches Start-ups mit Unternehmen und Hochschulen verzahnt. Dabei blicken wir auch weit nach Norden in die skandinavischen Länder. Mit Partnern in Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland, aber auch den Baltischen Staaten und Polen verknüpfen wir Start-up-Austauschprogramme und bauen Kooperationsprojekte auf.
Sehen Sie eine Konkurrenz zu anderen Life-Sciences-Standorten in Deutschland?
Dr. Schröder-Oeynhausen: Ich bin kein großer Freund von Konkurrenzanalysen, sondern davon, selbst eigene Ideen gemeinsam mit Partnern zu entwickeln und so die heimische Region zu gestalten. Am Ende macht das lokale Ökosystem den Unterschied aus; dazu zählen neben den Akteuren auch Infrastruktur und Exzellenz in der Forschung. Diese Exzellenz gibt es in Hamburg, Lübeck und Kiel. Aber erst in der gemeinsamen Betrachtung der Akteure und nicht in der Konkurrenzbetrachtung kann etwas Neues nachhaltig entstehen. Da kann es helfen, branchenübergreifend zu denken, neue Kooperationsmodelle mit Start-ups einzugehen oder internationale Partnerschaften auszubauen, oder kurz, ausgetretene Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen.
Prof. Dr. Gersting:Gerade Investitionen in der späteren Entwicklungsphase benötigen neben Kapital auch starke Pharmapartner. Diese sind hier im Norden bekanntermaßen eher dünn gesät. Wir brauchen überzeugende Beispiele. Sehr helfen würde es, wenn auch für die Finanzierung einer späten Entwicklungsphase hier vor Ort Zugang zu Kapital vorhanden wäre, weil dann auch der Großteil der Wertschöpfung hier stattfinden würde. Wenn wir aber weiterhin in Deutschland die wirkliche Endphase einer Entwicklung nur über M&A stemmen oder über US-amerikanische Investoren, dann fließt natürlich auch der größte Teil des Gewinns ab. Provokant formuliert, müsste das auch den Hamburger Kaufleuten bewusst sein. Genügend Kapital ist da, es fehlen noch die positiven Beispiele. Da ist auch Aufklärungsarbeit notwendig, denn beim Thema Life Sciences können viele Entscheider in Hamburg bisher nicht aus eigener Erfahrung mitreden. Es gibt viele vermögende Menschen, die gerne auch Gutes tun, aber dass sie das auch mit Business verbinden und dass Life Sciences auch Business sein muss, damit es beim Patienten ankommt, dieses Bewusstsein fehlt noch. Man darf also nicht nur in Start-ups denken, sondern vielmehr in realen Geschäftsmodellen, mit denen man den Markt erreicht.
Dr. Winkler: Die angesprochene klinische Phase können wir im Moment lokal nicht unterstützen. Innerhalb unseres Netzwerks wäre dies möglich, aber in diesem Fall geht es vor allem um eine Finanzierungsfrage. Es ist völlig richtig, dass am Übergang von Discovery zu Development massive Investitionen notwendig sind. Dieser Prozess kann mit den richtigen Investitionen zum Erfolg geführt werden, aber diese Investitionen kommen momentan nicht aus der Region. Im Sinne der Wertschöpfung muss man aber an diesem Punkt für die Region denken.
Zu einem guten Ökosystem gehört auch eine gute Finanzierung. Wie sehen die Finanzierungsmöglichkeiten im Norden aus?
Nieraad: Wir haben keine klassischen Venture-Capital-(VC-)Gesellschaften mehr im Norden. Anfang der 2000er-Jahre sah es noch ganz anders aus: Da war Hamburg neben München die führende Venture-Capital-Plattform in Deutschland. Vieles ist dann in Richtung Berlin und in andere Finanzierungssegmente erodiert und Hamburg hat es leider nicht geschafft, ein Klima zu entwickeln, in dem sich wieder VC-Fonds angesiedelt haben. Übrig geblieben sind die öffentlichen Investoren. Die funktionieren zwar sehr gut, auch in Zusammenarbeit mit Angel-Investments – aber im Bereich Wachstumsinvestitionen oder spätphasigen Finanzierungen gibt es im Norden keine Anbieter. Gerade mit der wissenschaftlichen Exzellenz sollte es aber möglich sein, dass sich auch das Kapital wieder hier ansiedelt. Das ist seit rund 15 Jahren ein gängiges Thema, doch einen überzeugenden Lösungsansatz sehe ich noch nicht. Hier ist auch die Politik gefragt.
Claas H. Nieraad, Venture Partner | Angel Investor | Venture Capital Advisory for Corporates, Family Offices and Start-Ups. Foto: @ Jörg Müller | Fotografie für Unternehmen und Institutionen
Mit den Baltic Business Angels bilden wir eines der aktivsten Business-Angels-Netzwerke in Deutschland. Darüber hinaus kooperieren wir mit DanBAN, dem dänischen Business-Angels-Netzwerk.
Wäre auch hier eine Orientierung hin zu den skandinavischen Nachbarländern sinnvoll?
Nieraad: Mit den Baltic Business Angels bilden wir eines der aktivsten Business-Angels-Netzwerke in Deutschland. Darüber hinaus kooperieren wir mit DanBAN, dem dänischen Business-Angels-Netzwerk. In Dänemark werden von Business Angels pro Jahr umgerechnet rund 20 Mio. EUR in Start-ups investiert. Diese Mechanismen schauen wir uns genauer an und versuchen, privates Kapital auch überregional zu mobilisieren, um gemeinsam Finanzierungen in Form von Syndizierungen anzuschieben.
Wir sprechen über Regionen – gleichzeitig gilt aber der Grundsatz „Kapital ist international“.
Dr. Brock: Seit einigen Jahren leistet die Agentur für Sprunginnovationen gute Arbeit, indem sie versucht, notwendiges Kapital in Deutschland zur Verfügung zu stellen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass IP-Regelungen seitens der Agentur die Zusammenarbeit mit Firmen mitunter erschweren. Für ein Start-up mag es noch akzeptabel sein, dass der Staat die
IP-Rechte besitzt, für einen zusätzlichen Investor jedoch wird es schwierig. Das SPRIND-Freiheitsgesetz mag hier Abhilfe schaffen – es ist jedoch nur ein erster Schritt.
Prof. Dr. Gersting: Große Investoren am Standort machen durchaus einen Unterschied. Aus meiner Münchner Zeit weiß ich, dass es eine Rolle spielt, ob man als Unternehmen kurze Wege hat oder nicht. Für Investoren ist es jedenfalls wichtig, wie das Unternehmen am Standort vernetzt ist, mit Fraunhofer, Helmholtz oder Max-Planck. Je größer die Unternehmen am Standort sind, desto eher sind sie bereit, auch weitere Wege mitzugehen. In Hamburg ist der erste Schritt nach der Ausgründung gut abgedeckt, über Baltic Business Angels oder öffentliche Investoren. Mangelndes Kapital ist in Hamburg kein Grund, nicht zu gründen. Entscheidend sind die Schritte danach.
Was braucht es denn, damit Forscher und Wissenschaftler zu Gründern werden?
Prof. Dr. Gersting:Mir persönlich haben viele Gespräche mit Pharmafirmen und anderen Playern geholfen, die mir gesagt haben: „Dann wage es doch selbst!“ Und schließlich habe ich mir die Frage gestellt, ob mir die wissenschaftliche Lehre allein ausreicht. Ich liebe es, zu forschen und zu lehren! Und natürlich hört die Wissenschaft im Unternehmen nicht auf, aber man bewegt sich als Unternehmer in einem anderen Umfeld und muss sich auch noch einmal neu erfinden. Das mag jüngeren Gründern leichter fallen. Aber gerade im Life-Sciences-Bereich erlebe ich viele Gründungen, an denen auch ältere Wissenschaftler beteiligt sind. Man braucht schon erfahrene Leute. Gleichzeit ist die Frage berechtigt, ob etablierte Professoren oder Wissenschaftler in die Firmen gehen, denn man gibt schon viel auf.
Dr. Schröder-Oeynhausen:Bei jeder Gründung braucht es mindestens einen aus dem Team, der ein „Unternehmer-Gen“ hat. Das gilt insbesondere bei Ausgründungen aus Hochschulen. Wenn sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf den Weg in die Selbstständigkeit machen, sollten sie eine solide langfristige Unternehmensplanung aufstellen können. Solche Planungen sind essenziell. Dazu kommt, den Transfer der Idee in die Anwendung zu schaffen und einen konkreten Kundennutzen zu erfüllen. Viele Wissenschaftler sind zu verliebt in ihre Idee. Dafür kann es nötig sein, sich eine externe Kraft mit Unternehmens-Know-how ins Team zu holen. Bei der Auswahl geeigneter Start-ups für unser Accelerator-Programm GATEWAY49 beleuchten wir neben der Idee insbesondere die Qualifikation der Teams, ob sie in der Lage und willens sind, ihr Produkt auch bis zur Marktreife zu bringen. Eine Erfolgsgeschichte einer Hochschulausgründung ist in diesem Kontext das GATEWAY49-StartUp Echoscout aus Batch IV, das nun erfolgreich eine KI-Förderung des Landes Schleswig-Holstein über 170.000 EUR für seinen Freihand-3D-Ultraschall in der Knochenchirurgie erhalten hat.
Dr. Brock:Bei DESY versuchen wir, solche Schritte umzusetzen. Es gibt beispielsweise die „Start-up School“ oder das Programm „Future Innovators“, worin wir versuchen, den Unternehmerdrang möglichst früh offenzulegen. Entscheidend ist aber, dass eine Idee für den Markt nutzbar ist. Hier muss zuweilen noch Überzeugungsarbeit geleistet werden. Das Wissen um Verwertungspotenziale ist ein entscheidender Aspekt.
Was können die Unternehmen tun, um Gründungen zu fördern?
Dr. Winkler: Ich sehe junge Wissenschaftler mit großartigen Ideen aus dem akademischen Umfeld, die vielleicht ein neues Target identifiziert haben mit einer gewissen Disease-Relevanz, aber ohne Kenntnis darüber, wie man diese Idee in ein erfolgreiches Produkt überführen kann. Hier können wir als Unternehmen einsteigen und eine Orientierung darüber geben, was die nächsten Schritte sind. Aufgrund der Daten, die in diesem Zeitraum generiert werden, ist vielleicht eine neue Finanzierung möglich. Hier können wir unterstützend wirken mit unseren etablierten Prozessen und Plattformen. Es muss ein bestimmter Punkt erreicht werden, an dem man ablesen kann, ob der gesamte Prozess erfolgversprechend ist, um im weiteren Verlauf einen neuen Wirkstoff zu entwickeln oder nicht.
Frau Dr. Brock erklärt die Besonderheiten des DESY als Life-Sciences-Hotspot im Norden. Foto: @ Jörg Müller | Fotografie für Unternehmen und Institutionen
Vanhooren: Als Unternehmen mit langjähriger Erfahrung kann man selbstverständlich auch als Coach und Ratgeber auftreten. Forschung in den Life Sciences beinhaltet viel Biologie, die man natürlich nur bedingt beeinflussen kann. Geduld ist hierbei ein wichtiger Faktor, den bestehende Unternehmen als guten Rat an Start-ups übermitteln können. Gleichzeitig ist es wichtig, immer offen zu sein, sich neuen Technologien anzupassen, zu warten, oder auch voranzutreiben, bis es neue Technologien gibt. So haben wir das bei Indivumed auch gemacht. Wir haben vor 20 Jahren damit angefangen, Proben von Tumoren und Patientendaten zu sammeln, um die Krebsforschung voranzutreiben. Nun sind wir dabei, unsere Vision umzusetzen. Dafür analysieren wir jeden Tumor auf molekularer Ebene, um ein ganzheitliches Verständnis der Krankheit zu bekommen und damit neue Therapieansätze zu entwickeln. Es war damals z.B. unbezahlbar, große Mengen von Tumorproben zu sequenzieren, was wir heute routinemäßig tun. Auch verwenden wir jetzt robuste Proteinanalysetechnologien, die vor 20 Jahren noch in den Kinderschuhen steckten. Diese Datenmengen überhaupt zu verarbeiten, ist auch erst seit einigen Jahren dank der technologischen Entwicklung (siehe oben) möglich. Mit solchen Beispielen können meiner Meinung nach Unternehmen mit mehreren Jahren Erfahrung junge Gründer in der strategischen Planung wertvoll unterstützen.
Nieraad: Kooperationen mit Angels und Mentoren, auch im Rahmen von Accelerator-Programmen, sind eine ganz entscheidende Säule. Die Unterstützer geben neben Kapital vor allem aber auch ihr persönliches Engagement – und es besteht nicht nur ein Interesse an der Region, sondern insbesondere an der Innovation. Sollten Unterstützer für Investoren zudem als Mentoren auftreten, sind diese mitunter noch wichtiger als beispielsweise der Steuerberater oder ein Coach. Wenn ein Stefan Dräger sich als Mentor einen halben Tag Zeit nimmt und mit einem Start-up arbeitet, dann ist dies eine weitaus bedeutsamere Komponente als die theoretische Strukturierung eines Finanzplans. Die Bereitschaft aufseiten der Unternehmen, auch im Bereich der Medizintechnik, ist da, weil sie alle vor den Herausforderungen stehen, innovative Produkte für die Zukunft zu entwickeln. Für ein solches Matching braucht es auch die entsprechenden Formate, etwa die Health & Life Science Venture Days von Life Science Nord oder der Angels-Netzwerke.
Dr. Brock:Aber damit sind wir wieder am Anfang: Nehmen denn die großen Unternehmen Hamburg als Biotechnologiestandort wahr, mit innovativen Start-ups und guten Ideen? Daran müssen wir arbeiten.
Nieraad: Ich würde die Frage anders formulieren: Wo gibt es die guten Ideen und wie kann man diese am besten zum Role Model machen?
Vanhooren: Ich glaube nicht, dass ein Pharmakonzern sich von einem bestimmten Standort leiten lässt. Diese Unternehmen suchen global nach neuen und innovativen Technologien, denn genau das brauchen sie, um ihre Forschung zu unterstützen. Wir müssen die guten Ideen, die es ja hier im Norden in den etablierten Unternehmen sowie an den Universitäten oder in Start-ups gibt, herausstellen und über die richtigen Kanäle sichtbar machen. Dafür gibt es viele Plattformen und Konferenzen, um sich auch international zu etablieren und zu präsentieren. Und die großen Unternehmen haben die entsprechenden Abteilungen, die darauf fokussiert sind, neue Technologien an Bord zu holen. Big Pharma baut zunehmend Grundlagenforschung ab und ist teilweise abhängig davon, Input und Know-how von kleineren Unternehmen und Start-ups zu bekommen und mit diesen zusammenzuarbeiten.
Denkers: Natürlich sind Hamburg und Schleswig-Holstein als Biotechregion ausbaubar. Das war mit ein Grund, Life Science Nord vor 20 Jahren zu gründen, um Standortmarketing zu betreiben, um regionale Player untereinander, aber auch international zu vernetzen und auch um den Blick großer Konzerne vermehrt in die Region zu lenken. Um diese Ziele zu erreichen und zu verstetigen, ist ein gewisses Maß an Geduld erforderlich. Insbesondere im Life-Sciences-Sektor kann und darf der Fokus nicht auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet sein, die vielleicht in anderen Branchen möglich sind. Umso wichtiger ist es, dass wir kontinuierlich Brücken zwischen Politik, Wissenschaft und Unternehmen bauen, immer wieder direkte Kontakte herstellen und Politiker in den Standort einladen. So kann aufseiten der Politik ein tieferes Verständnis für Herausforderungen in den Life Sciences erzeugt werden. Hier erfahren wir bereits große Unterstützung. Dazu braucht es insbesondere Erfolgsgeschichten von Start-ups und etablierten Unternehmen, wie solche, die hier mit am Tisch sitzen. Vielleicht generiert die Region noch keine Finanzierungsrunden, wie man es in dem Ausmaß oder in der Vielzahl in anderen Regionen Deutschlands erlebt. Für den Erfolg einer Bioregion ist, neben der Finanzierung, insbesondere ein gut funktionierendes Ökosystem entscheidend. Hier können Schleswig-Holstein und Hamburg einiges in die Waagschale werfen. Und wir stehen ja nicht nur den Biotechnologieplayern zur Seite: Wir betreuen ebenso Akteure aus den Bereichen Pharma, Medizintechnik und Digital Health. Durch die zunehmende Digitalisierung und den breitflächigeren Ansatz von KI-Anwendungen lassen sich zahlreiche Synergien in allen Life-Sciences-Branchen hier bei uns im Norden realisieren – definitiv ein Standortvorteil.
Jan Philip Denkers, Kommunikation & Marketing, Life Sciences Nord. Foto: @ Jörg Müller | Fotografie für Unternehmen und Institutionen
Für den Erfolg einer Bioregion ist ein gut funktionierendes Ökosystem entscheidend – und hier können Schleswig-Holstein und Hamburg einiges in die Waagschale werfen.
Prof. Dr. Gersting:Man darf auch nicht vergessen, dass die Standorte in Süddeutschland schon deutlich früher angefangen haben und über mehr Erfahrung verfügen. Und gerade in Bayern profitieren Entwicklungszeiten von einer gewissen politischen Kontinuität, die es in Hamburg oder Schleswig-Holstein so nicht gibt. Da werden Innovationen gefördert, von denen die politischen Entscheidungsträger wissen, dass sie von diesen als eigener Verdienst auch in zehn Jahren noch profitieren können.
Wer ist letztlich dafür verantwortlich, ein gutes Ökosystem aufzubauen?
Dr. Brock: Alle zusammen, also Unternehmen, Wissenschaft, Investoren und natürlich die Politik. In Hamburg müssen wir uns zudem fragen: Wie bekommen wir ausreichend privates Kapital mobilisiert? Die Stadt hat immerhin die höchste Millionärsdichte in Deutschland.
Dr. Schröder-Oeynhausen: Das Problem mit „alle“ ist ja, es braucht immer ein paar Vordenker, aber auch die Bereitschaft, Dinge gemeinsam anzugehen, ohne immer selbst an erster Stelle zu stehen. Ein Ökosystem ist ein sensibles System. Es verknüpft Menschen mit eigenen Interessen. Nun arbeitet man aber bekannterweise lieber mit Menschen zusammen, mit denen man auf einer Wellenlänge liegt. Da kann die Strategie noch so gut sein, am Ende ist die Kultur im Unternehmen, in der Region oder im Netzwerk entscheidend. Ein „Wir“-Gefühl, wie es beispielsweise in München erkennbar ist, gilt es auch hier zu entfalten. Dazu gehört insbesondere, sich noch intensiver auszutauschen, zu informieren und einzuladen, auch mit Partnern aus unseren Nachbarländern. Wir brauchen Lösungen, die noch stärker in Kooperationen münden und damit den Europäischen Gedanken verkörpern. Ziel ist eine vielfältige Community, die sich selber trägt und am Ende stabil steht.
Nieraad:Kontinuität ist in der Tat ganz wichtig, und die ist in der Politik nicht gegeben. Wenn man Ökosysteme aufbaut und eine Anschubfinanzierung übernimmt, sollte man darauf achten, dass ein Netzwerk nach Ablauf der Legislaturperiode privatwirtschaftlich funktioniert. Man kann eine ganze Start-up-Entwicklung nicht allein abhängig machen von öffentlichen Zuschüssen.
Prof. Dr. Gersting:Wir müssen den potenziellen Kapitalgebern, vor allem jenen, die ihre Geschäftsmodelle zum Teil über Jahrhunderte im Handel hatten, näherbringen, welche Bedeutung die Life Sciences haben und welche lukrativen Geschäftsmodelle sich hier bieten; vielleicht auch deswegen, weil der Handel langfristig nicht mehr die Bedeutung für die Stadt haben wird. Da sind auch Institutionen wie DESY gefragt. Viele Vermögende sind bereit, für eine gute Sache zu spenden, aber über Spenden allein lassen sich Innovationen nicht finanzieren.
Vanhooren: Die Life Sciences sind eben ein komplexes Feld und dieses Feld muss man richtig erklären. Prozesse sind langwierig und ich bin oft überrascht, wie viel Gegenwind noch immer für Pharma und Biotechnologie in der Gesellschaft weht – dabei ist die Pharmaindustrie aus unserer Life-Sciences-Perspektive etwas, was letztendlich der Gesellschaft dient. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig.
Ist diese Aufklärungsarbeit nicht auch eine Aufgabe der Unternehmen – eben nicht nur als Mentoren für Gründer zu fungieren, sondern auch gegenüber Entscheidern in der Politik oder potenziellen Investoren?
Dr. Winkler:In der Tat, wir sind da gefordert. Wir haben über Mentorship für Gründer gesprochen, müssten aber auch über das gleiche Thema sprechen, wenn es um Menschen geht, die über die nötigen finanziellen Mittel verfügen. Wenn wir beides nicht zusammenbringen, werden wir keinen Erfolg haben.
Dr. Schröder-Oeynhausen: Vielleicht hilft es, die komplexe Welt der Life Sciences mit „Gesundheitswirtschaft“ zu übersetzen. Die Kommunikationsstrategie muss zum Empfänger passen. Andere komplexe Themen kommen noch dazu, beispielsweise das Thema „Nachhaltigkeit“. CSRD ist ein wichtiges Schlagwort. Die Anforderungen werden in der Zukunft wachsen. Wir müssen uns rechtzeitig um die Übersetzung und Vermittlung dieser Themen kümmern, um Entscheidern in der Politik und möglichen Kapitalgebern eine verständliche Entscheidungsgrundlage zu geben. Es gibt erfolgreiche Unternehmen, denen diese Aufklärungsarbeit gut gelingt. Von diesen kann man lernen und kluge Konzepte für die Kommunikation entwickeln. Auch das geht im Zweifelsfall leichter gemeinsam. Ein Alleinstellungsmerkmal schafft man sich nicht alleine durch eine ausgezeichnete Infrastruktur, sondern durch Kompetenz und Exzellenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette, damit die Geschichte zu einem Erfolg wird.
Dr. Frank Schröder-Oeynhausen, Geschäftsführung, TZL Technikzentrum Lübeck. Foto: @ Jörg Müller | Fotografie für Unternehmen und Institutionen
Bei jeder Gründung braucht es mindestens einen aus dem Team, der ein ‚Unternehmer-Gen‘ hat.
Prof. Dr. Gersting:Das führt uns zurück zu der Frage: „Was ist eigentlich ein klassisches Biotechunternehmen?“ Wir erleben einen Umbruch in den Life Sciences und damit auch riesige Chancen, die wir zu den Menschen transportieren wollen. Heutzutage sind viele verschiedene Player und Firmen an der Entwicklung neuer Medikamente beteiligt. Es sind nicht mehr die großen Konzerne allein, die die neuen Wirkstoffe entwickeln – diese Zeiten sind lange vorbei. Heutzutage können viele Menschen an einer Erfolgsgeschichte partizipieren. Man muss erklären, dass der Erfolg auf einer langen Kette beruht, von der Akademie bis hin zur erfolgreichen Ausgründung und Markteinführung mit strategischen Partnern aus der etablierten Biotech- und Pharmaindustrie. Vielleicht muss man dafür die passenden Formate entwickeln.
Dr. Winkler:Wir haben genügend gute Beispiele, dass es funktioniert. Wir müssen aber die Transparenz dieser Beispiele erhöhen und die Information darüber vermitteln.
Dr. Brock: Wir müssen Menschen einladen, es ihnen zeigen, sie müssen es fühlen können. Wir brauchen gute Narrative, um die oft komplexen Zusammenhänge einfach herunterzubrechen.
Haben wir also lediglich ein Verständnisproblem?
Dr. Schröder-Oeynhausen: Erfolgsbeispiele sind ein hervorragendes Mittel, um neue Gründungen zu forcieren. Beim Aufbau einer Community geht es aber um mehr als nur einzelne gute Beispiele. Es geht darum, die Leute zusammenzubringen. Dies gelingt beispielsweise bei Events, wenn man sie nicht solitär betrachtet. Entscheidend ist nämlich der ganze Prozess vor, während und nach einer Veranstaltung, der entscheidend zur Aktivierung und Interaktion der handelnden Personen beiträgt. Es braucht einfach Zeit, sich kennenzulernen, sich gegenseitig zu vertrauen und die Grundlagen für eine Kooperation zu legen. Es kann Jahre dauern, bis das notwendige Vertrauen geschaffen ist.
Vanhooren: Persönliche Beziehungen sind sehr wichtig. Man muss täglich daran arbeiten, Beziehungen aufrechtzuerhalten. Irgendwann kommt man an den Punkt, wo es in einer möglichen Zusammenarbeit ganz schnell gehen muss, und dann braucht man diese Beziehungen und das Vertrauen. Nur kann diesen Punkt niemand genau vorhersagen.
Dr. Brock: Auch Alumninetzwerke sind wichtig. Dies war eines meiner ersten Projekte, als ich zu DESY gekommen bin, nämlich ein Alumninetzwerk zu initiieren. Wir haben zwar keine eigenen Studenten hier, aber rund 80% der hier tätigen Doktoranden gehen in die Industrie. Diese Beziehungen müssen wir pflegen. Und nicht zuletzt können über Alumninetzwerke auch Finanzierungen generiert werden.
Prof. Dr. med. Gersting, iniuva, erklärt die Besonderheiten der KI bei der Wirkstoffsuche. Foto: @ Jörg Müller | Fotografie für Unternehmen und Institutionen
Welche Rolle können Investoren in der Frage der Vermittlung zwischen Unternehmen, Kapitalgebern und Politik einnehmen?
Nieraad: Wir agieren durchaus als Vermittler. In unserem Fall ist die Herausforderung, dass wir uns als Verein ehrenamtlich engagieren und unsere Ressourcen daher begrenzt sind. Einmal im Jahr bieten wir unseren Mitgliedern eine Master Class an, in der wir zeigen, wie man am besten in Technologieunternehmen investiert. Die meisten Privatinvestoren investieren einmalig mit hohen Summen; anschließend passiert eher wenig. Wir müssen noch besser vermitteln, wie so ein Investmentprozess aussieht, wie man ein eigenes Portfolio aufbaut und einen Dealflow generieren kann. Will ich passiv oder aktiv investieren oder investiere ich ggf. besser in einen Venture Fund? Es ist sehr wichtig, eine solche Community aufzubauen, aber das kostet eben auch Ressourcen. Wir kooperieren auch mit Finanzinstituten und Banken. Diese stellen uns beispielsweise Räumlichkeiten für Veranstaltungen zur Verfügung, bei denen auch Privatkunden anwesend sind. Als Berater können die Mitarbeiter einer Bank hier aber aufgrund von Haftungsgründen nicht tätig werden. Die „Anlagevermittlung“ von Start-up-Investments als unreguliertem Markt ist daher nicht möglich.
Schauen wir auf die aktuellen Trends in der Biotechnologie: Welche Rolle spielt in Ihrem Wirken beispielsweise die künstliche Intelligenz? Und wie werden sich Geschäftsmodelle dank KI künftig verändern?
Vanhooren: Wir haben viele Jahre als Serviceunternehmen agiert und Pharmaunternehmen in ihrer Forschung mit unseren standardisiert gesammelten Tumorproben und Laborservices unterstützt. Nun generieren wir seit einigen Jahren selbst auf Grundlage dieser Tumorproben sogenannte Multi-omics-Daten (Genomics, Proteomics, Transcriptomics, Phosphoproteomics), um neue therapeutische Ansätze zu entwickeln. Als wir damit vor einigen Jahren angefangen haben, haben wir natürlich viel über AI oder künstliche Intelligenz gesprochen und darüber, wie wir sie einsetzen können. Inzwischen ist uns wichtig, dass wir KI als integriertes Tool benutzen und es entsprechend kommunizieren. AI oder KI sind Buzzwords. Schlussendlich benutzen wir die Technologie als biomathematisches Tool, um die großen Datenmengen zu bearbeiten und zu analysieren, und brauchen Mathematiker, Biologen und Biochemiker, die die Outputs dann richtig interpretieren und im richtigen Zusammenhang nutzen können. Für uns geht es um die Qualität der Proben, die wir verwenden, und die Qualität von Daten, die wir generieren. KI bleibt ein wichtiges Thema, doch am Ende geht es immer um die Qualität des Inputs.
Prof. Dr. Gersting: Ich glaube, bei der klassischen Wirkstoffsuche und -findung wird KI eine komplette Disruption bewirken. Man muss einfach nur die Zahlen betrachten, in welchem chemischen Raum man bislang gesucht hat. Die Zahl der chemischen Verbindungen, die wir nutzen können, wird massiv ansteigen. Da liegen wir schnell in einem Bereich von Billionen Substanzen, und das muss und wird mit künstlicher Intelligenz laufen. Das Problem ist, dass die notwendigen Daten der Technologie noch nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Viele – insbesondere große – Firmen, behalten ihre Daten noch für sich. Darüber hinaus haben sie ihre Daten häufig nicht vernünftig annotiert, sodass die Daten gar nicht vollständig genutzt werden können. Das wird passieren, aber es braucht Zeit und Geld. Zahlreiche Fragen oder Problemstellungen der Wirkstoffsuche sind letztlich mathematischer Natur, und diese Fragen können wir mithilfe künstlicher Intelligenz lösen.
Dr. Winkler: Und die Disruption der Wirkstoffsuche und -entwicklung mittels künstlicher Intelligenz wird nicht kommen – wir sind bereits mittendrin. In jedem Schritt der Wirkstoffforschung spielt künstliche Intelligenz eine Rolle. Die Qualität der Daten, mit denen wir die Algorithmen füttern, bestimmt das Ergebnis. Es ist unsere Aufgabe, hochqualitative und belastbare Daten zu generieren, um die Algorithmen entsprechend zu füttern und eine Beschleunigung der einzelnen Schritte der Wirkstoffforschung zu erzielen. Wir betreiben das massiv in der Target-Validierung. Wir nutzen unsere Panomics-Plattform, wo Transcriptomics- und Proteomics-Daten eingehend interpretiert und in den Zusammenhang mit einer bestimmten Krankheit gebracht werden. Die Nutzung dieser Daten hilft uns, zu interpretieren, aber wir sind noch nicht am Ende. Die Komplexität der Daten kann noch nicht vollends dargestellt werden. Doch die Geschwindigkeit, mit der die technischen Möglichkeiten voranschreiten, ist beeindruckend. Meine Einschätzung lautet: Es wird immer eine Kombination sein mit experimentell generierten Daten von hoher Qualität und entsprechenden Rechenleistungen.
Dr. Brock: Den Umgang mit großen Datenmengen leisten wir bei DESY bereits seit 60 Jahren. Bezüglich der Qualität und Annotierung der Metadaten müssen aber auch wir noch Arbeit investieren. Wir müssen standardisierte Strukturen in die Ablage dieser Daten bekommen und die Frage beantworten, wie wir diese Daten letztlich zur Verfügung stellen.
Vanhooren: Aber gerade die Verfügbarmachung der Daten ist nicht einfach – das haben wir bei Indivumed in den letzten Jahren erlebt. Um Qualität zu gewährleisten, müssen Proben standardisiert gesammelt, aufbereitet und analysiert werden. Gleiches gilt für Metadaten und klinische Daten. Es hat 20 Jahre gedauert, um unsere hochqualitativen Proben zu sammeln und unsere Datenbank so aufzubauen, dass wir bei Indivumed sie heute zur Entwicklung neuer Krebsmedikamente nutzen können. Das ist wirtschaftlich gesehen eine Herausforderung. Es ist nicht immer leicht nachzuvollziehen, wenn jahrelang in eine Technologie oder ein Unternehmen investiert wurde und solche Daten dann externen Forschern oder Firmen in einem offenen Data-Access-Modell angeboten werden. Der Open-Source-Gedanke ist ehrenwert, aber nicht einfach umzusetzen. Primär geht es darum, erst einmal selbst Wert zu kreieren und auf Basis der eigenen Daten ein Return on Investment sicherzustellen.
Prof. Dr. Gersting: Andererseits haben große Pharmafirmen schon vor Jahren ihre Bibliotheken geöffnet, in der Hoffnung, dass man gemeinsam mit neuen Partnern neue Targets oder Wirkstoffe identifizieren und erforschen kann. Ich vermute, dass es bei den Daten einen ähnlichen Prozess geben wird.
Dr. Winkler: Das Poolen von Daten kann einen neuen Standard hervorrufen. Die entscheidende Frage ist: Wie verträgt sich mein Datensatz mit anderen Datensätzen, die auf anderen Wegen generiert wurden? Dort sehe ich die größten Schwierigkeiten, ein Pooling vorzunehmen, aus dem ich wertvolle Schlussfolgerungen ziehen kann.
Prof. Dr. Gersting: Das ist das Problem mit künstlicher Intelligenz, wenn man sie unterschiedlich nutzt. Künstliche Intelligenz wird sich die einfachsten Parameter heraussuchen, mit der sie etwas lernen kann. Einfach nur Daten zur Verfügung stellen, daraus wird keine künstliche Intelligenz etwas lernen.
Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie beim Thema künstliche Intelligenz?
Dr. Brock:Es gibt den EU AI Act – den müssen wir zunächst auf nationales Recht übertragen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe.
Prof. Dr. Gersting: Die Nachvollziehbarkeit der Algorithmen ist im Moment das große Thema der Politik. Warum trifft ein Algorithmus welche Entscheidung? Da können auch Diskriminierungsfaktoren eine Rolle spielen, und dem muss man entgegenwirken, auch in der Medizin, wo beispielsweise Ethnien oder Altersfaktoren eine große Rolle spielen. Worauf wurde die eingesetzte KI trainiert und schaffe ich damit unbeabsichtigt eine Diskriminierung? Diese Herausforderungen sind technischer Natur und sehr komplex und daher nur schwer zu erklären.
Vanhooren:Es ist wichtig, weniger über „KI“ und mehr über „Biomathematik“ zu sprechen. Es ist dabei selbstverständlich auch ein philosophisches Thema, ob wir über Intelligenz oder mathematische Modelle reden. Entscheidend ist aber immer die Qualität der Inputdaten und wie kritisch wir auf die Ergebnisse schauen – bei uns etwa auf die Proteine, die wir identifiziert haben. Wir wollen die Targets biologisch begreifen. Was ist bereits über ein bestimmtes Target publiziert worden, was ist bereits bekannt und was nicht, wie agiert es in bestimmten Zusammenhängen? Das Ziel ist es, eine biologisch fundierte Hypothese aufzustellen, um damit weiter in die Forschung und therapeutische Entwicklung zu gehen und nicht ohne menschliche Intervention Algorithmen zu vertrauen. So wollen wir Risiken minimieren.
Dr. Winkler: Risiken minimieren und kontrollieren funktioniert meiner Meinung nach nur dann, wenn wir die Algorithmen verstehen. Das kann in Zukunft eine noch größere Herausforderung werden, wenn die neuen Algorithmen von künstlicher Intelligenz entwickelt werden und wir gar nicht mehr nachvollziehen können, was mit den Daten passiert und welche Aussagen daraus gezogen werden. Im Moment kann ich unterstreichen, dass in unserem Haus die Wissenschaftler noch verstehen, was der Algorithmus beinhaltetet. Aber wir wissen alle, wie schnell die Entwicklung voranschreitet – in einigen Jahren können wir das nicht mehr nachvollziehen. Dann müssen wir wirksame Mechanismen implementieren, um die Algorithmen zu kontrollieren, und wissenschaftliche Referenzpunkte setzen, um nachzuvollziehen, was passiert, wenn wir einen bestimmten Datensatz durch einen Prozess schleusen.
Hans Vanhooren, PhD, Vice President Business Development, Indivumed Therapeutics. Foto: @ Jörg Müller | Fotografie für Unternehmen und Institutionen
Es ist wichtig, weniger über ‚KI‘ und mehr über ‚Biomathematik‘ zu sprechen. Es ist dabei auch ein philosophisches Thema, ob wir über Intelligenz oder mathematische Modelle reden.
Mit anderen Worten: Die Herausforderung, das Thema „künstliche Intelligenz“ verständlich zu kommunizieren, wird nicht geringer.
Denkers: Zum Thema KI zu kommunizieren ist durchaus herausfordernd, birgt aber große Chancen. Dass der Begriff der künstlichen Intelligenz öffentlich so früh recht stark geprägt wurde, ist an manchen Stellen heute eine zusätzliche Hürde. Damit wurde suggeriert, dass es jetzt quasi per Klick verfügbare Technologien gibt, die umgehend nahezu alle Herausforderungen lösen können. Eine etwas nüchternere Betrachtungsweise, dass es zunächst hoch entwickelte Algorithmen waren und sind, die uns helfen, riesige Datenmengen besser zu erfassen, hätte in der Kommunikation sicherlich einiges vereinfacht. Auf der anderen Seite hat KI viel Geld angezogen und den Fokus auf wichtige Entwicklungen gelegt; selbst wenn manchmal noch nicht klar war, welche Erfolgsaussichten ein KI-basiertes Geschäftsmodell hat. KI kann das Bindeglied zwischen allen Life-Sciences-Sektoren sein und beispielsweise an bestimmten Stellen die Grenzen zwischen Biotech und Medtech aufheben, Entwicklungen beschleunigen und vielen Menschen weltweit helfen. Uns stehen in diesem Bereich sehr spannende Zeiten bevor! In Sachen KI und Life-Sciences ist der Norden heute schon einer der Hotspots mit vielen wichtigen Pionierarbeiten, die beispielsweise von Forschenden und Unternehmen im Raum Lübeck geleistet werden. Und auch Hamburg engagiert sich vielfältig, sich zu einer Wissensstadt weiterzuentwickeln. Davon profitieren der Life-Sciences-Sektor hier bei uns im Norden natürlich in hohem Maße.
Dr. Brock: In Hamburg arbeitet das Artificial Intelligence Center (ARIC e.V.) sehr aktiv daran, bestehende Schwellen abzubauen und das Verständnis zu heben. Hier müssen wir auch die KMU mit an Bord holen, die häufig beim Thema KI noch abgehängt sind, und neue Netzwerke schaffen. Im ARIC haben sich Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zusammengeschlossen, um das Thema KI strukturiert und gezielt in der Region voranzubringen und als Bindeglied zwischen anwendungsorientierter Forschung und praxisbezogener Anwendung im Bereich künstlicher Intelligenz zu dienen. Daneben werden wir hier bei DESY einen Hub aufbauen, um Unternehmen im ersten Schritt einen Zugriff auf geschützte Rechenleistungen zur Verfügung zu stellen.
Nieraad:Gerade am Thema KI sieht man, dass es im Norden nicht „die eine“ Biotechnologie gibt. Firmen aus verschiedenen Segmenten engagieren sich mittels KI, teilweise auch global oder im Netzwerk, und so entstehen in diesem Ökosystem zum Teil ganz neue und spannende biotechnologische Themen und Geschäftsmodelle, basierend auf Grundlagenforschung und kombiniert mit anderen Themen.
Dr. Schröder-Oeynhausen:Auch für Schleswig-Holstein kann ich das bestätigen. In einer Reihe von KI-Projekten arbeiten Hochschulen, Kliniken, Unternehmen und Start-ups eng zusammen. Es ist enorm wichtig, die Chancen der KI zu vermitteln und in die Netzwerkstruktur einzupflegen. Es ist auch unsere Aufgabe, komplexe Themen so zu erklären, dass der Nutzen einer Entwicklung erkennbar und verständlich wird und sie keine Angst macht.
Die abschließende Frage: Warum gehen Sie nach unserem heutigen Roundtable zufriedener und hoffnungsvoller nach Hause?
Nieraad:Ich habe wieder viel über unser Ökosystem im Norden gelernt. Für zukünftige Unternehmer und Start-ups wachsen viele interdisziplinäre Möglichkeiten heran, die von der Industrie oder von Netzwerken vorangetrieben werden. Und die Wissenschaft im Norden ist einfach großartig!
Dr. Schröder-Oeynhausen: Ich habe einmal mehr die Gewissheit bekommen, wie sehr man diese Region gemeinsam weiterentwickeln kann. Am Ende können wir eine Art „Wir-im-Norden-Strategie“ entwickeln, die die Lebensqualität und die Chancen hier am Standort weiter erhöht. Das bestärkt einen wieder, genau an dieser Stelle weiterzumachen.
Dr. Winkler:Ich habe eine sehr anregende Diskussion erlebt, die sicher auch zu weiteren Anregungen und Austauschen führen wird. Darüber hinaus gibt es viele Themenbereiche, wo wir einen guten und gemeinsamen Blick auf das Geschehen haben. Für mich ist es auch eine Bestärkung in der Strategie, hier gemeinsam zusammenzuarbeiten und die Zusammenarbeit sogar noch auszubauen.
Vanhooren: Meine Erwartungen in der Vorbereitung wurden in diesem Gespräch mehr als erfüllt, und damit ist für mich die Bereitschaft nun noch höher, bestehende Netzwerke weiterzuführen und auszubauen. Ich hoffe sehr, dass wir den Anfang, den wir hier gemacht haben, in diesen Netzwerken nutzen.
Denkers:Wir spüren ein großes Vertrauen und eine lebhafte Kooperationsfreude im Cluster. Unser Ökosystem in Schleswig-Holstein und Hamburg ist sehr gut aufgestellt, um Großes aufzubauen. Was unsere Cluster-Region im Norden so einzigartig macht, ist die Vielzahl der großen und kleinen Player aus allen Life-Sciences-Disziplinen. Man spürt eine Verbundenheit zur Region und es ist unser Auftrag, an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu agieren, die Menschen zusammenzubringen und Aufklärungsarbeit auch außerhalb unseres Ökosystems zu betreiben. Zwar arbeiten wir in verschiedenen Sektoren, aber beispielsweise KI ist ein gutes Element, um diese Bereiche, etwa Pharma und Digital Health, miteinander zu verbinden. Und am Ende verfolgen wir alle das gleiche, wichtige Ziel: die weltweite Gesundheitsversorgung jeden Tag ein Stück besser werden zu lassen. Das ist natürlich eine großartige Motivation für alle Akteure.
Prof. Dr. med. Søren W. Gersting, Gründer & CEO, iniuva. Foto: @ Jörg Müller | Fotografie für Unternehmen und Institutionen
Ein gemeinsamer kritischer Blick bestärkt einen, manche Dinge nicht so stehen zu lassen. Und wenn wir heute den Gedanken entwickelt haben, ein Format zu gründen, um der Wirtschaft, der Politik und der Gesellschaft das Modell ,Life Sciences‘ zu erklären, dann haben wir ganz viel gewonnen.
Prof. Dr. Gersting: Ich bin glücklich darüber, dass es so starke Netzwerke wie Life Science Nord gibt, die natürlich von den Menschen leben, und ein Roundtable bringt Menschen zusammen und Meinungen, die ausgetauscht werden. Ein gemeinsamer kritischer Blick bestärkt einen, manche Dinge nicht so stehen zu lassen. Und wenn wir heute den Gedanken entwickelt haben, ein Format zu gründen, um der Wirtschaft, der Politik und der Gesellschaft das Modell „Life Sciences“ zu erklären, dann haben wir ganz viel gewonnen.
Dr. Brock: Was mich froh macht: dass wir einen sehr ähnlichen Blick darauf haben, was wir können und wer wir sind – aber auch, welche Herausforderungen wir noch vor uns haben.
Frau Dr. Brock, meine Herren, ich bedanke mich ganz herzlich für das sehr interessante und anregende Gespräch!
Urs Moesenfechtel, M.A., ist seit 2021 Redaktionsleiter der GoingPublic Media AG - Plattform Life Sciences und für die Themenfelder Biotechnologie und Bioökonomie zuständig. Zuvor war er u.a. als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.